Schnelle Hilfe ist die beste Hilfe. Worauf Ersthelfer achten müssen, damit sie in einer Notfall-Situation nicht völlig überfordert sind, erklärt Ulrich Schreiner, Geschäftsführer der Björn Steiger Stiftung gGmbH, im Interview. Herr Schreiner, was genau ist und macht die Björn Steiger Stiftung (BSS)? Die Stiftung wurde am 7. Juli 1969 als „Rettungsdienst Stiftung Björn Steiger“ gegründet. In Deutschland gab es bis dato keinen organisierten Rettungsdienst: Es gab keine Notrufnummern, keine genormten Rettungsfahrzeuge, keine Qualifikationsvorgaben für das Personal, keine Hilfsfristen, kein Notarztsystem, keine Luftrettung. Auf Initiative der BSS wurde das Rettungswesen in Deutschland vorangebracht. Aber auch heute gibt es noch großes Verbesserungspotenzial, mit dem sich die Stiftung beschäftigt. Wir wollen gute Lösungen bekannt machen und für Austausch sorgen. Das ist das Motto der Stiftung. Denn es geht um Menschenleben! Die Voraussetzungen für eine moderne Notfallhilfe wurden in den letzten Jahrzehnten geschaffen. Eine Ihrer aktuellen Initiativen ist die Bekämpfung des plötzlichen Herztodes? Ja, denn neben der Verbesserung des Rettungsdienstes, der beim Herz-Kreislauf-Stillstand in der Regel zu spät kommt, da bereits nach etwa vier Minuten erste irreversible Hirnschäden eintreten, kann dieses therapiefreie Intervall nur durch sogenannte „Bystander“, also in der Nähe befindliche Ersthelfer, verkürzt werden. Eine ganz banale Maßnahme, die jeder durchführen kann, kann dabei Leben retten: die Herzdruckmassage. Ein einziger Erste-Hilfe-Kurs, meist im Rahmen der Führerscheinprüfung, reicht sicher nicht aus. Welche Kenntnisse sind wichtig, um in einer Notsituation selbstsicher und überlegt zu handeln? Hilft da nur ein Auffrischungskurs? Es gibt „Erste Hilfe“-Apps, aber wer noch nie eine Herzdruckmassage an einer Puppe geübt hat oder einen Trainings AED (Automatisierter Externer Defibrillator) an der Puppe eingesetzt hat, der ist im Ernstfall sicher überfordert. Daher: Es hilft nur die praktische Übung, die die notwendige Sicherheit vermittelt. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2018 trauen sich weniger als die Hälfte der Deutschen zu, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Wie lassen sich diese Hemmungen abbauen? Und warum haben so viele Menschen Angst, im Notfall zu helfen? Die Menschen sind in dieser ihnen völlig unbekannten Situation verunsichert: Eine Person fällt regungslos um oder sinkt in sich zusammen, bekommt innerhalb kürzester Zeit bläuliche Lippen, reagiert nicht mehr. Diesen Menschen anzusprechen, in Rückenlage zu bringen, den Notruf zu tätigen, den Oberkörper zu entblößen und dann das Brustbein an der richtigen Stelle und im richtigen Rhythmus fünf bis sechs Zentimeter tief einzudrücken: Da spielt die Angst, etwas falsch zu machen, immer mit. Man kann aber bei einem Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand nichts falsch machen – außer man tut nichts! Mit einer solchen Situation kann man sich nur in praktischen Übungen bei einem ErsteBjörn Steiger Stiftung Es geht umMenschenleben!“ 22% Hilfe-Kurs oder speziellen Wiederbelebungs-Reanimationsschulungen auseinandersetzen, um sich auf eine solche Ausnahmesituation vorzubereiten. Was sind die größten Fehler, die man machen kann? Der größte Fehler ist, gar nichts zu tun. Wenigstens Hilfe holen und den Notruf tätigen, das ist das Mindeste. Besser ist es aber, sofort mit der Wiederbelebung zu beginnen. Und je früher der Notruf 112 abgesetzt wird, umso schneller trifft professionelle Hilfe ein. der EU-Bürger wissen, dass die Notrufnummer 112 seit 1991 europaweit gilt. In Deutschland waren es sogar nur 17 %. I N T E R V I E W Was muss bei einer Laien-Reanimation beachtet werden? Bei einer Reanimation ohne Beatmung gibt es fünf Schritte. Zuerst neben dem Betroffenen in Höhe des Brustkorbs knien und seinen Oberkörper freimachen. Danach den Handballen einer Hand auf das untere Drittel des Brustbeins platzieren (Hilfslinie: zwischen beiden Brustwarzen). Anschließend den Ballen der anderen Hand auf die erste Hand aufsetzen. Dann mit gestreckten Armen senkrecht den Brustkorb fünf bis sechs Zentimeter tief in einer Frequenz von 100 bis 120 eindrücken und jedes Mal wieder entlasten, dabei aber die Hände nicht vom Brustbein nehmen. Bei einer Herzdruckmassage muss man das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter in Richtung Wirbelsäule drücken. Bricht man der zu helfenden Person dabei nicht die Rippen? Wenn senkrecht gedrückt wird, in der Regel nicht, da der Brustkorb elastisch ist. Er bewegt sich mit jedem Atemzug. Und wenn es mal zum Rippenbruch oder einer Verletzung des Knorpels kommt, ist das heilbar. Wird indes keine Wiederbelebung durchgeführt, dann ist der Patient tot. Die Herzdruckmassage benötigt eine Frequenz von 100- bis 120-mal pro Minute. Wie kann man das kontrollieren? Stimmt es, dass der „Bee Gees“ Hit „Stayin‘ Alive“ eine Hilfe sein kann? Ja, es gibt einige Songs, mit der die Druck-Frequenz leicht gehalten werden kann. Zur Unterstützung hilft aber auch das Metronom des Defibrillators oder das Reanimations-Tool LifePad® von Beurer, das einem zudem mit Blick auf Druckpunkt, Drucktiefe und Frequenz Sicherheit gibt. Diese kleinen Helfer können in einer Notsituation eine sinnvolle Unterstützung sein. Was leistet die Björn Steiger Stiftung an Aufklärungsarbeit zum Thema „Erste Hilfe“? Wir führen Projekte wie der „herzsichere Landkreis“, die „herzsichere Stadt“ und der „herzsichere Betrieb“ durch. Über Sponsoren werden hier AED‘s im öffentlichen Raum platziert. Bedingung ist, dass je aufgestelltem AED mindestens 100 Bürger zum Thema Wiederbelebung geschult werden. Auch gehen wir in Schulen und trainieren dort ab Klassenstufe 7. Dafür bekommen die Schulen 15 Reanimationspuppen, einen Trainings-AED sowie einen echten AED. Die Schüler dürfen die Wiederbelebungspuppen auch mit nach Hause nehmen, um Eltern und Geschwister zu motivieren, an einem Wiederbelebungstraining teilzunehmen. 40% der Ersthelfer in Deutschland führen im Notfall eine Reanimation aus. ÜBER DIE BJÖRN STEIGER STIFTUNG Die Stiftung wurde 1969 durch Ute und Siegfried Steiger gegründet. Anlass war der tragische Unfalltod ihres 9-jährigen Sohnes Björn Steiger am 3. Mai 1969. Seither setzt sich die BSS für die Verbesserung des Rettungswesens und der Notfallversorgung ein. Weitere Infos unter: www.steiger-stiftung.de “ Exklusiv Interview Nur knapp Nur gut Ulrich Schreiner, Geschäftsführer der Björn Steiger Stiftung „Man kann bei einem Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand nichts falsch machen - außer man tut nichts.“ 34 35
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